SPÖ-Bundesbildung zum Tod von Jürgen Habermas: Ein Jahrhundertdenker für Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit

Wien (OTS) – Mit großer Betroffenheit reagiert die
SPÖ-Bundesbildungsorganisation
auf den Tod des deutschen Philosophen und Sozialwissenschaftlers
Jürgen Habermas, der im Alter von 96 Jahren verstorben ist. Habermas
galt als einer der bedeutendsten Denker der Gegenwart und als einer
der prägendsten öffentlichen Intellektuellen Europas. Der
Bundesbildungsvorsitzende der SPÖ, Prof. Dr. Gerhard Schmid, würdigt
Habermas als einen der wichtigsten theoretischen Wegweiser der
demokratischen Nachkriegsordnung: „Einer der größten Theoretiker
weltweit ist von uns gegangen. Die Lehren aus der Geschichte der
Mitte des 20. Jahrhunderts mit den größten Verbrechen der Menschheit
müssen ein unerschütterliches Bekenntnis zu einer gelebten Demokratie
sein. Man kann die Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
nicht ohne Jürgen Habermas denken. Er war ein Jahrhundert-Theoretiker
für Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit – ein vorbildhafter und
unverzichtbarer intellektueller Leuchtturm. Habermas war stets ein
Verbinder von Politik und Praxis. Denn ohne Theorie gibt es auch
keine Praxis. Die Welt ist durch seinen Tod um vieles ärmer
geworden.“ ****

Habermas prägte über Jahrzehnte hinweg die politische
Philosophie, die Sozialwissenschaften und den demokratischen Diskurs
in Europa. Mit Werken wie „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, der
„Theorie des kommunikativen Handelns“ sowie seiner Diskurstheorie von
Moral und Recht setzte er Meilensteine der modernen
Gesellschaftstheorie und der politischen Philosophie.

Der SPÖ-Bundesbildungsgeschäftsführer Wolfgang Markytan, selbst
Politikwissenschaftler, erinnert an die prägende Rolle Habermas’ für
Generationen von Studierenden und Forschenden: „Während meines
Studiums habe ich mich in vielen intensiven Auseinandersetzungen mit
Habermas’ Werk beschäftigt. Wegen der Vielfalt seiner philosophischen
und sozialwissenschaftlichen Aktivitäten gilt er zu Recht als einer
der produktivsten öffentlichen Intellektuellen unserer Zeit. Er hat
den historischen Materialismus von Karl Marx mit dem amerikanischen
Pragmatismus, mit entwicklungspsychologischen Ansätzen von Jean
Piaget und Lawrence Kohlberg sowie mit der Psychoanalyse Sigmund
Freuds verbunden. Damit hat er die Sozialwissenschaften ebenso
geprägt wie die Moral- und Sozialphilosophie.“ Markytan hebt hervor,
dass Habermas stets versuchte, das Projekt der Moderne
weiterzuentwickeln: „Das übergeordnete Motiv seines Werkes war die
Versöhnung der mit sich selbst zerfallenden Moderne. Habermas wollte
zeigen, dass demokratische Gesellschaften durch Verständigung,
Diskurs und Argumente zusammengehalten werden können.“

Auch in wissenschaftlichen Grundsatzdebatten prägte Habermas die
Sozialwissenschaften entscheidend. So stellte er im sogenannten
Positivismusstreit die Auffassung infrage, dass empirische
Wissenschaften völlig unabhängig von den normativen und rationalen
Standards seien, die innerhalb wissenschaftlicher Gemeinschaften
ausgehandelt werden. Wissenschaftliche Erkenntnis entstehe nicht
isoliert, sondern in einem verständigungsorientierten Diskurs
innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Gleichzeitig warnte
Habermas vor einer rein instrumentellen Sicht auf
Sozialwissenschaften, die gesellschaftliche Prozesse wie technische
Systeme behandeln wolle. Eine solche Perspektive verkenne, dass
gesellschaftliche Wirklichkeit von Kommunikation, Normen und
demokratischer Verständigung geprägt ist.

Für SPÖ-Bundesbildungsvorsitzender Prof. Dr. Gerhard Schmid
bleibt Jürgen Habermas damit ein bleibender Orientierungspunkt für
demokratische Bildung, kritisches Denken und die Verteidigung einer
offenen Gesellschaft. „Sein Denken erinnert uns daran, dass
Demokratie nicht nur Institution ist, sondern ein fortwährender
Prozess der Verständigung“, so Schmid abschließend. „Gerade in Zeiten
wachsender Polarisierung bleibt Habermas’ Werk aktueller denn je.“ (
Schluss) ff