Gefährdete Zukunft von Österreichs Moderne: Architektur als „Manövriermasse“

Wien (OTS) – Die österreichische Landesgruppe der seit 1988
international tätigen
NGO DOCOMOMO sieht ein Systemversagen im Umgang mit zentralen
Denkmälern der Moderne und Spätmoderne. Vom Substanzverlust am Wiener
Karlsplatz bis zur drohenden Überbauung der Pädagogischen Hochschule
in Linz zeigt sich ein problematisches Zusammenspiel von Denkmal- und
Baubehörden, Architekt:innen und Eigentümer:innen. Selbst bedeutende
Bauwerke verlieren ihre schützenswerten Eigenschaften, während eine
breite kritische Diskussion ausbleibt. Nur durch bedachte Eingriffe,
die die Qualitäten der historischen Substanz respektieren, lassen
sich internationale Standards sichern und bedeutende Architektur
bewahren.

Obwohl die wissenschaftliche Erforschung der Nachkriegsmoderne im
Bundesdenkmalamt (BDA) voranschreitet, zeigt die Praxis deutliche
Defizite. DOCOMOMO Austria warnt vor einer Aushöhlung des
Denkmalschutzes: Auch geschützte Bauwerke werden wirtschaftlichen
Interessen und radikalen Umbauten untergeordnet. Häufig steht das BDA
überladenen Programmen von Auftraggebern sowie einer
Architekt:innenschaft gegenüber, der grundlegende denkmalpflegerische
Begriffe wie „Integrität“ und „Authentizität“ nicht ausreichend
vertraut sind. Defizite in der Ausbildung wirken nach – der Umbau
wird faktisch zum Neubau.

Aktuelle Beispiele verdeutlichen diese Entwicklung: Bauwerke
werden trotz Schutzstatus massiv verändert, entkernt oder auf ihre
Hülle reduziert. Charakter und Zeugniswert gehen verloren, während
solche Projekte teils als „Best Practice“ vermittelt werden und die
Distanz zu internationalen Standards verdecken:

Wien Museum
Der Umbau des Gebäudes von Oswald Haerdtl (1954–1959) wurde vielfach
kritisch gesehen, da der Rückbau auf das Tragwerk und weitreichende
Eingriffe zu einem deutlichen Verlust der ursprünglichen Substanz und
Gestaltung führten.

Hallenbad Neusiedl
Das Hallenbad (1974–1977) verliert durch Abriss, Erweiterungen und
neue Baukörper wesentliche Teile seiner architektonischen Identität.
Auch bauzeitliche Ausstattung ging verloren.

Siedlung Sintstraße
In der Linzer Siedlung (1927–1931) wurden trotz Denkmalschutz mehrere
Gebäude abgetragen, andere entkernt. Der Schutzstatus konnte den
Substanzverlust nicht verhindern.

Zwtl.: PÄDAK Linz: Akuter Anlassfall

Alarmierend ist die Situation der Pädagogischen Hochschule der
Diözese Linz (PÄDAK) am Freinberg. Das Ensemble von Franz Riepl und
Othmar Sackmauer (1969–1975) gilt als bedeutendes Beispiel
österreichischer Schularchitektur und als kulturgeschichtlich
wichtiger Ort innovativer Lehrkonzepte.

Die Anlage ist bis heute weitgehend original erhalten, wurde
jedoch bereits teilweise durch neue Sporteinrichtungen
beeinträchtigt. Mit der geplanten Sanierung und Nutzungsverdichtung
droht nun eine umfassende Überformung, die den über Jahrzehnte
gewachsenen Gesamtcharakter des Ensembles gefährdet. Trotz
Denkmalschutz steht im Zuge des erweiterten Campus-Projekts die
architektonische Integrität des Baus auf dem Spiel. Aktuelle
Planungen zeigen deutlich vergrößerte Aufbauten sowie zusätzliche
Neubauten – inzwischen auch auf bisher unbebauten Flächen. Dies
widerspricht ursprünglichen Zielsetzungen des Wettbewerbs. Auch eine
Aufstockung des Studentenhauses ist vorgesehen, obwohl frühere
Entwürfe abgelehnt wurden. Die Folge ist ein Verlust qualitätsvoller
Innenräume, differenzierter Belichtungssituationen und des
gewachsenen baulichen Ensembles.

Der Fall verdeutlicht einmal mehr, wie mangelnde Abstimmung und
Qualitätsorientierung zwischen Behörden, Planung und Nutzung dazu
führt, dass denkmalgeschützte Substanz ihre zentralen Werte einbüßt
und zur „Manövriermasse“ aktueller Interessen wird.

Zwtl.: Forderungen

– Der behördliche Denkmalschutz braucht Mut und Mittel seinen
eigenen gesetzlichen Vorgaben (DMSG) zu folgen und sie konsequent
durchzusetzen.

– Architekt:innen müssen zu einem sorgfältigen und
uneigennützigen Weiterbauen befähigt werden: Qualität im Bestand
entsteht nie gegen die Substanz.

– Öffentliche und private Auftraggeber sind verpflichtet,
gegenüber Denkmälern denkmalpflegerische Standards einzuhalten; auch
dann, wenn sie sich der einfachen Kapitalisierung widersetzen und
eine „Spur“ in die Vergangenheit legen: „Denkmalwürdigkeit“ ist kein
Makel.

Die PÄDAK Linz könnte Anlass für eine breitere Auseinandersetzung
mit dem Umgang mit der Architektur der Moderne sein. Dafür braucht es
eine fundierte öffentliche Diskussion sowie einen offenen wie
kritischen Austausch zwischen Behörden, Planung, Hochschulen und
öffentlicher Hand. Ziel muss es sein, den historischen Baubestand als
kulturelles Erbe ernst zu nehmen und ihn qualitätsvoll in die Zukunft
zu führen – nicht als bloße „Manövriermasse“, sondern als
maßgeblichen Bestandteil unserer gebauten Umwelt.

Zum ausführlichen Text auf der Seite von DOCOMOMO Austria:

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