Wien (OTS) – Die neue Publikation der Dokumentationsstelle
Politischer Islam (DPI)
wurde unter der Leitung von Lina Khatib, Associate Fellow bei Chatham
House (The Royal Institute of International Affairs, London/UK),
erstellt. Die Studie analysiert die weitverzweigten Finanzstrukturen
der religiös-extremistischen Hisbollah in Europa. Die Arbeit wurde
zudem von Anrike Visser, Expertin für Finanzkriminalität und
Terrorfinanzierung, unterstützt. Die Analyse legt sowohl die
Verbindungen zu global agierenden Unternehmen offen als auch die
Verflechtung mit legalen und illegalen Geschäftsmodellen. Sie stützt
sich auf öffentlich zugängliche Quellen, unter anderem auf
Gerichtsakten, Unternehmensregister und Regierungsberichte.
Die Islamische Republik Iran und ihre Verbündeten sind durch ihre
direkte oder indirekte Beteiligung in militärische Konflikte im Nahen
Osten in den vergangenen Jahren verstärkt in den Fokus gerückt. Eine
gewichtige Rolle in diesen kriegerischen Auseinandersetzungen spielt
die im Libanon entstandene schiitisch-islamistische Hisbollah, die
lange Zeit als stärkste nicht-staatliche bewaffnete Miliz weltweit
galt. Als Bündnispartner der von Iran unterstützten „Achse des
Widerstands“ war sie bereits in den durch den Terrorangriff der Hamas
am 7. Oktober 2023 ausgelösten Krieg in Israel und Gaza involviert.
Die Hisbollah ist mittlerweile militärisch und politisch stark
geschwächt, sie konnte jedoch ihre transnationalen Netzwerke im Nahen
Osten, Lateinamerika, Afrika und Europa aufrechterhalten. Unter
anderem ist die Organisation im Handel mit Drogen, Kunstwerken und
Blutdiamanten sowie im Öl-Schmuggel und in der Geldwäsche verstrickt.
Zwtl.: EU-Staaten gespalten bei der Einstufung der Hisbollah als
Terrororganisation
Entscheidend für die geschäftlichen Aktivitäten der Hisbollah in
der Europäischen Union (EU) ist ihre rechtliche Stellung in den
einzelnen Staaten. In Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden
ist die gesamte Organisation inzwischen als Terrororganisation
gelistet. Von den meisten EU-Ländern jedoch, wie etwa auch von
Österreich, wird lediglich der militärische Flügel als terroristisch
eingestuft. Dies ermöglicht es dem politischen Arm – trotz seiner
engen Verbindungen zu den übrigen Strukturen – auf legale Weise in
zahlreichen europäischen Ländern Geschäfte zu tätigen, etwa Spenden
über gemeinnützige oder religiöse Organisationen zu sammeln. Laut
Berichten der US-Regierung finanziert sich die Hisbollah zu rund
einem Drittel über kriminelle Tätigkeiten weltweit, wobei Europa eine
wichtige Rolle einnimmt.
Bei vielen ihrer Operationen kooperiert die Hisbollah eng mit den
iranischen Islamischen Revolutionsgarden, die seit Anfang 2026 von
der EU als Terrororganisation eingestuft sind. Aufgrund der
unsicheren Lage im Libanon und insbesondere des Ende Februar 2026
begonnenen Iran-Krieges kommt den internationalen Netzwerken und
Finanzstrukturen nun eine noch größere Bedeutung zu. Ein in diesem
Zusammenhang nicht unwesentlicher Aspekt: Die Finanzgeschäfte der
Hisbollah laufen vermehrt über Kryptowährungen, um Transaktionen
anonymer und schneller durchführen zu können.
Zwtl.: Kooperationen mit kriminellen Netzwerken über Europa hinaus
„Europa ist für die Hisbollah eine wichtige Drehscheibe für
verschiedenste Geschäftsaktivitäten, wie die aufgebauten und
weitverzweigten Strukturen zeigen. Das breite Firmengeflecht, ihre
Verbindungen und die nicht geschlossene Einstufung der Hisbollah als
Terrororganisation ermöglichen es ihr innerhalb der EU legal Spenden
zu sammeln und Finanzgeschäfte zu tätigen. Die Kooperation mit
kriminellen Netzwerken über europäische Staaten hinaus, etwa mit
Drogenkartellen, führen auch die globale Dimension der Hisbollah-
Finanzierung vor Augen. Die Studie macht deutlich, dass es neben
einer einheitlichen rechtlichen Position der EU in dieser Frage mehr
– und vor allem auch eine konsequentere – Zusammenarbeit auf
internationaler Ebene braucht“, so die Autorin und Nahost-Expertin
Lina Khatib.
Zwtl.: Hisbollah-Aktivitäten in Österreich
Im Rahmen der Analyse wurden auch der Hisbollah zugeordnete
Operationen in Österreich untersucht. Als Beispiel ist etwa der Fall
eines im Jahr 2020 und 2021 in Klagenfurt zu mehreren Jahren Haft
verurteilten Hisbollah-Kommandeurs zu nennen, der schuldig gesprochen
wurde, Mitglied einer terroristischen Vereinigung zu sein. Das
Gericht sah es als erwiesen an, dass der libanesische Staatsbürger
seit 2006 der Hisbollah angehörte, für diese rund 250 Jugendliche und
Männer anwarb und auch an ideologischen Schulungen sowie
militärischen Ausbildungen beteiligt war. Zudem habe er über viele
Jahre hinweg in Österreich auch an der Finanzierung der Organisation
mitgewirkt. Im März 2023 hat das Bundesverwaltungsgericht seine
Beschwerde gegen die Aberkennung des Asylstatus abgewiesen.
Ein weiteres Fallbeispiel betrifft die erfolgreiche Aufdeckung
eines Schmuggelnetzwerks durch österreichische Behörden. Die
Tätergruppe schleuste große Mengen Captagon und Kokain unbemerkt in
Saudi-Arabien ein. Die im Libanon hergestellten Drogen wurden in
Geräten wie Pizzaöfen oder Waschmaschinen versteckt und über Belgien
und Österreich nach Italien in verschiedene Hafenstädte geschmuggelt.
Eine Pizzeria in einem Salzburger Ort diente in diesem Fall als
Tarnung. Die Route wurde gewählt, da Waren aus Europa in Saudi-
Arabien in der Regel weniger streng kontrolliert werden. Der
Drogenring rund um die damalige Pizzeria wurde 2021 im Rahmen der
„Operation El Capta“ zerschlagen, mehrere Beteiligte wurden vom
Landesgericht Salzburg verurteilt. Wie die Studie deutlich macht, ist
die Hisbollah neben dem Handel mit Captagon im Nahen Osten auch am
internationalen Kokainhandel beteiligt, dessen Route von
Lateinamerika über Westafrika nach Europa führt.
Zwtl.: Einblicke in das weitverzweigte Finanzierungsnetzwerk
Die DPI-Publikation beschreibt, wie die globalen Netzwerke der
extremistischen Organisation interagieren, wie ihre legalen sowie
illegalen Geschäftspraktiken ineinandergreifen und wie sie dabei
geschickt Lücken im europäischen Rechtssystem nutzt. Anhand
ausgewählter Fallstudien werden zentrale Muster der Finanzgeschäfte
der Hisbollah aufgezeigt sowie die daraus resultierenden politischen
Herausforderungen benannt. Damit leistet die Studie einen fundierten
Beitrag zur Entwicklung wirksamer Maßnahmen gegen die Finanzierung
der Hisbollah in Europa. Hierzu gehört auch eine übersichtliche
Grafik zum Hisbollah-Finanzierungsnetzwerk in Europa, die unter
nachstehendem Link heruntergeladen werden kann:
www.dokumentationsstelle.at/finanzierungsnetzwerk-hisbollah
Die neue DPI-Studie „The Financial Operations of Hezbollah in
Europe“ steht – wie alle weiteren Publikationen des Österreichischen
Fonds zur Dokumentation von religiös motiviertem politischen
Extremismus (Dokumentationsstelle Politischer Islam) – auf der
Website www.dokumentationsstelle.at zum kostenfreien Download zu
Verfügung.