Wien (OTS) – Die Kurie der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in
Niederösterreich übt scharfe Kritik an der von der Österreichischen
Gesundheitskasse (ÖGK) ausgeschriebenen Einrichtung eines
bundesweiten telemedizinischen Ambulatoriums. Ein derart
grundlegender Umbau von Versorgungsstrukturen darf niemals im
Alleingang erfolgen.
Kurienobfrau Dr. Dagmar Fedra-Machacek findet dazu klare Worte:
„Telemedizin kann und soll eine sinnvolle Ergänzung bestehender
Versorgungsstrukturen sein. Damit wäre sie ein wertvolles und
hilfreiches Instrument. Was hier jedoch droht, sind nicht nur
Parallelstrukturen, sondern faktische Ersatzstrukturen zu
gewachsenen, wohnortnahen Versorgungsmodellen. Gerade in
Niederösterreich mit seinen ländlichen Regionen ist die persönliche
Arzt-Patienten-Beziehung das Fundament einer funktionierenden
Gesundheitsversorgung. Hochwertige Medizin, vor allem bei einer
Erstberatung, ist mehr als ein Telefonat oder Videogespräch. Sie lebt
vom Vertrauen, von der Kenntnis der Krankengeschichte und vom
langfristigen Begleiten von Menschen.“
Nicht-ÖGK-Versicherte sind von Leistungen ausgeschlossen
Nicht nur, dass mit einem telemedizinischen Ambulatorium Leistungen
aus dem vertrauten niedergelassenen Bereich herausgelöst und die
Betreuung damit anonymisiert wird, es besteht auch ein weiteres
Problem: Wenn ein eigenes telemedizinisches ÖGK-Ambulatorium mit
zentraler Steuerung geschaffen wird, soll dieses ausschließlich für
die eigenen Versicherten zuständig sein. Alle anderen Versicherten
wären von diesen neuen telemedizinischen Leistungen ausgeschlossen.
„Gerade im niedergelassenen Bereich leisten wir tagtäglich
wohnortnahe, kontinuierliche und qualitativ hochwertige Versorgung
für alle Versicherten, unabhängig davon, welcher Krankenkasse sie
zugeordnet sind. Wir kennen die meisten unserer Patientinnen und
Patienten seit vielen Jahren und wissen um ihre medizinischen
Probleme und persönlichen Besonderheiten. Gerade deshalb können wir
in unseren Ordinationen seit Jahren mit gutem Gewissen
telemedizinische Leistungen für unsere Patientinnen und Patienten
anbieten. Ihre Versorgung darf nicht technokratisch organisiert
werden. Diese Menschen brauchen keine zusätzlichen bürokratischen
Einrichtungen, wir alle brauchen jeden Cent für eine bessere
Behandlung unserer Patientinnen und Patienten“, so
Familienmedizinerin Dr. Fedra-Machacek weiter.
Telemedizinische Callcenter kosten mehr Zeit und Ressourcen
Dr. Susanne Rabady, Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft
für Allgemein- und Familienmedizin, zeigt die Schwächen von
Callcentern im Vergleich zur hausärztlichen Versorgung deutlich auf:
„Aus einer Analyse der verfügbaren Erkenntnisse ergibt sich: Die
Stelle des Erstkontakts entscheidet über die Qualität der Versorgung.
Telemedizinische Anlaufstellen und Callcenter verfügen nicht über die
nötige Versorgungskontinuität, müssen daher mehr Tests und
Untersuchungen veranlassen, verbrauchen damit Zeit und Ressourcen,
und können dennoch nicht die gleiche Sicherheit bieten wie es eine
kontinuierliche Versorgung im hausärztlichen Bereich kann. Die
kontinuierliche Primärversorgung senkt nachweislich Krankheitslast
und Sterblichkeit im Vergleich zu vorwiegend punktuellen Kontakten.
Telemedizinische Angebote über Callcenter haben einen wichtigen Platz
– jedoch ausschließlich im Bereich von Notfällen und dringlichen
Anliegen, wenn die eigene Hausärztin bzw. der eigene Hausarzt nicht
erreichbar ist.“
Wer bundesweit Strukturen verändern will, muss gemeinsam planen
Besonders irritierend ist, dass weder die Länder noch die
niedergelassene Ärzteschaft in die konzeptionelle Ausrichtung dieses
Projekts eingebunden wurden. Gesundheitsversorgung ist ein sensibles
System. Wer bundesweit Strukturen verändern will, muss gemeinsam mit
den Ländern, mit der Ärzteschaft und im Einklang mit bestehenden
Steuerungsinstrumenten wie 1450 planen. Doppelgleisigkeiten,
parallele Systeme und neue Schnittstellenprobleme helfen weder
Patientinnen und Patienten noch Ärztinnen und Ärzten. Dr. Harald
Schlögel, Präsident der Ärztinnen- und Ärztekammer für NÖ, ergänzt:
„Niederösterreich braucht keine zentral gesteuerte Ersatzmedizin,
sondern eine kluge, abgestimmte Weiterentwicklung bestehender
Strukturen. Wir stehen einer Digitalisierung positiv gegenüber, aber
immer eingebettet, qualitätsgesichert und im Einklang mit der
persönlichen Betreuung vor Ort.“
„Die Kurie der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte fordert daher
eine Aussetzung der Ausschreibung in der vorliegenden Form und die
Aufnahme eines strukturierten Dialogs. Reformen im Gesundheitswesen
gelingen nur gemeinsam und vorrangig im Interesse unserer
Patientinnen und Patienten“, so Dr. Fedra-Machacek abschließend.