Wien/Shanghai (OTS) – Der Stellenwert von WorldSkills für Shanghai
zeigt sich am besten auf
den chinesischen Streaming-Plattformen: Dort singt Xiao Zhan, einer
der bekanntesten Schauspieler und Popkünstler des Landes, den
offiziellen WorldSkills-Song „Shine from Here“.
Dass ein Idol mit Millionenpublikum für die Weltmeisterschaft der
Berufe wirbt, ist kein Zufall. Die WorldSkills-Aktivitäten erzielten
laut Shanghais Behörden bereits mehr als 700 Millionen Online-
Aufrufe. Während berufliche Bildung in Europa häufig um
Aufmerksamkeit kämpfen muss, erhält sie in Shanghai einen eigenen
Soundtrack und Mega-Star-Support.
Neben Xiao Zhan wirbt auch Li Ziqi für WorldSkills: Die
Videokünstlerin wurde mit aufwändig inszenierten Darstellungen
traditioneller chinesischer Handwerke, ländlicher Arbeit und
Lebensmittelherstellung international bekannt. Beide verkörpern,
worum es Shanghai bei dieser Veranstaltung geht: Können soll nicht
nur nützlich sein, sondern sichtbar, erzählbar und bewundernswert
werden.
Diese Präsenz ist kaum zu übersehen: Zwei vollständig gestaltete
WorldSkills-Züge verkehren auf der Metrolinie 2, jener Verkehrsader,
die den Flughafen Hongqiao mit der Innenstadt und dem
Wettkampfgelände verbindet. In den Waggons treffen die Bildzeichen
der 64 Wettbewerbsberufe auf Werkzeugmotive und Informationen über
die Weltmeisterschaft.
Shanghai im WorldSkills-Fieber
Dazu kommen 154 hinterleuchtete Werbeflächen an mehr als 70
Stationen – vom People’s Square über die Stadtviertel Xintiandi und
Xujiahui bis zu den beiden internationalen Flughäfen. Auch die
Station beim National Exhibition and Convention Center (NECC) wird
für die Veranstaltung umgestaltet. Die Botschaft lautet: Die
Weltmeisterschaft mag zwar auf dem Messegelände stattfinden, ihr
Austragungsort soll aber die ganze Stadt sein.
Besonders deutlich wird das beim 37. Shanghai Tourism Festival,
das im September mehr als 170 Veranstaltungen umfasst. Am 12.
September zogen vor der historischen Häuserfront des Bund, der
berühmten Uferpromenade, 21 Themenwagen und 21 Formationen aus China
und zwölf weiteren Ländern vorbei. Ein Wagen war WorldSkills gewidmet
– ehemalige Weltmeister, Fachkräfte und die beiden Maskottchen des
Wettbewerbs fuhren mit.
Das Festival versteht sich als bewegliche Visitenkarte der Stadt.
Sein offizieller Dreiklang lautet: „schöne Stadt, innovative Stadt,
Stadt der Menschen“. Darin steckt die bevorzugte Selbstbeschreibung
Shanghais: ein wenig Tradition, sehr viel Zukunft und dazwischen eine
Organisation, die selbst der Begeisterung einen Fahrplan gibt.
„China-Speed“
Christian Fuchssteiner kennt diese Stadt aus unmittelbarer Nähe.
Der gebürtige Wieselburger ist seit vier Jahren WKÖ-
Wirtschaftsdelegierter in Shanghai. Zuvor führte er sieben Jahre lang
das AußenwirtschaftsCenter in Taipeh; nach beruflichen Stationen in
Kroatien, Hongkong, Südchina und Russland absolvierte er dort ein
Chinesisch-Sprachstudium.
„In der First-Tier-City Shanghai erlebt man das neue China:
hochdigitalisiert und innovativ, trendbewusst und in einem rasanten
Wandel begriffen“, sagt Fuchssteiner. Dennoch sei es ein China der
zwei Geschwindigkeiten: „Das Land der humanoiden Roboter, grünen
Technologien und Innovationen in der Biotech-Forschung verfügt über
eindrucksvolle Wachstumsfelder am Schnittpunkt einer neuen
technologischen Revolution. Zugleich werden traditionelle Industrien
und weite Teile der eigenen Bevölkerung von dieser rasanten Dynamik
abgehängt.“
Europa neige dazu, China abhängig vom jeweiligen Blickwinkel
entweder extrem positiv oder negativ zu sehen. „Dabei lohnt sich ein
differenzierterer Blick auf ein unglaublich vielfältiges,
interessantes, aber auch sehr widersprüchliches Land“, betont
Fuchssteiner. Unterschätzt werde vor allem der „atemberaubende China-
Speed“ – die Geschwindigkeit, mit der Ideen angepasst, Entscheidungen
umgesetzt und neue Entwicklungen vorangetrieben würden.
Ein Hund und 20 Arnautovic-Tore
Shanghai verfügt allerdings nicht nur über ein ausgeprägtes
Talent für Geschwindigkeit, sondern auch für Regeln. In städtischen
Gebieten darf pro Wohnadresse nur ein Hund registriert werden; Mieter
benötigen dafür die Zustimmung ihres Vermieters. Bei der Hundehaltung
kennt die Stadt also eine Obergrenze, beim Ehrgeiz nicht.
Rund 25 Millionen Menschen und ein U-Bahn-System mit unerreichten
Maßstäben lassen europäische Großstädte überschaubar wirken. Ganz
unbekannt ist Österreich hier dennoch nicht. Einer der prominentesten
rot-weiß-roten Namen in Shanghai trug Fußballschuhe: 2019 wechselte
Marko Arnautović für rund 25 Millionen Euro von West Ham United zu
Shanghai SIPG, dem heutigen Shanghai Port FC. In 39 Pflichtspielen
erzielte er 20 Tore, ehe er 2021 nach Europa zurückkehrte.
Nun reist wieder eine österreichische Auswahl nach Shanghai,
diesmal allerdings mit Werkzeugkoffern statt Sporttaschen. Bei den
48. WorldSkills kämpfen rund 1.400 junge Fachkräfte aus 73 Ländern
und Regionen in 64 Disziplinen um die Weltmeistertitel der Berufe.
Österreich stellt mit 48 Teilnehmer:innen in 42 Wettbewerbsberufen
das größte Team aus Europa.
Der Gastgeber selbst geht als Favorit an den Start, immerhin
verfügt China über das größte Berufsbildungssystem der Welt und hat
berufliche Bildung gesetzlich der allgemeinen akademischen Bildung
gleichgestellt. Gesellschaftlich besteht diese Gleichwertigkeit
allerdings nur bedingt, erklärt Fuchssteiner: „Die duale Ausbildung
der DACH-Region und damit auch Österreichs wird in China in
Fachkreisen bewundert und als höchst nachahmenswert gesehen. Die
breite Einführung dieses Systems im eigenen Land scheitert jedoch an
kulturellen Hürden; höhere akademische Bildungsabschlüsse werden in
China ungleich höher eingeschätzt als handwerklich-technische
Berufsabschlüsse.“
Anspruch und Realität klafften bei der Integration junger
Menschen in das Berufsleben teilweise weit auseinander. „Gerade
deshalb dürfte eine Veranstaltung wie WorldSkills für die chinesische
Regierung von großer Bedeutung sein, um neue, positiv motivierende
Narrative rund um die Fachkräfteausbildung und handwerkliche Berufe
entstehen zu lassen“, sagt Fuchssteiner. Österreich besitzt dabei
etwas, das international keineswegs selbstverständlich ist. „Unser
duales Ausbildungssystem ist aufgrund seiner Praxisnähe, seiner
institutionellen Verankerung und breiten Wertschätzung in der eigenen
Bevölkerung tatsächlich einer der unschätzbaren Standortvorteile
unseres Landes“, betont der Wirtschaftsdelegierte. Es sei
„international unerreicht“.
36 Goldmedaillen
Der Austausch funktioniert dennoch in beide Richtungen. „Was
unsere Fachkräfte von ihren chinesischen Mitbewerberinnen und
Mitbewerbern lernen können, sind der unbedingte Leistungswille, die
Geschwindigkeit, der Ehrgeiz und der Fleiß, mit denen man im Reich
der Mitte ans Werk geht“, sagt Fuchssteiner.
Wie ernst China den Wettbewerb nimmt, zeigte sich bereits bei
WorldSkills 2024 in Lyon: Dort gewann das Land 36 Goldmedaillen und
dominierte den internationalen Vergleich. Der Erfolg sei das Ergebnis
von gezielter Vorbereitung sowie Teil einer umfassenderen Strategie,
berufliche Spitzenleistungen für die technologische Entwicklung des
Landes zu nutzen, erklärt Fuchssteiner. „Die Veranstaltung hat größte
Bedeutung für die eigenen Entwicklungsziele und
Entwicklungspotenziale Chinas“, sagt er. Man hoffe vor allem auf eine
möglichst breite positive Wirkung, ähnlich wie bei Olympischen
Spielen, und unterstütze WorldSkills vonseiten der öffentlichen Hand
mit aller Kraft.
Das spürt man in der gesamten Stadt: Mehr als 120 WorldSkills-
Produkte werden am Flughafen Pudong, an zehn Universitäten und in
mehr als 300 Bankfilialen präsentiert. China Eastern hat ein eigenes
WorldSkills-Flugzeug gestalten lassen, von der Außenhaut über die
Kopfstützen bis zu den Gepäckfächern und Klapptischen. Aktionen in
allen 16 Stadtbezirken bringen Tätigkeiten von Robotik und
Drohnentechnik bis Floristik, Altenpflege und Patisserie unter die
Bevölkerung. Der Eintritt zu den Wettbewerben ist kostenlos, setzt
allerdings eine vorherige namentliche Registrierung voraus.
Die rund 300 Fans aus Österreich erwartet ein Großereignis, wie
es nur wenige Länder umsetzen könnten, sagt Fuchssteiner: „Wenn eine
Nation Großevents erfolgreich organisieren kann, dann ist das China.
Freuen Sie sich auf perfekt organisierte Wettbewerbe in einer
sicheren, wohlhabenden asiatischen Megacity mit einer der besten
Skylines der Welt.“
In Österreich wird oft darüber diskutiert, wie sich die
Wertschätzung für berufliche Bildung erhöhen lässt. Shanghai gibt
darauf eine sehr chinesische Antwort: mit Themenzügen, einer Parade,
einem Flugzeug – und einem Popsong, der bereits Hunderte Millionen
Menschen erreicht hat. (PWK435/HSP)
Fotos
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Fliegender Botschafter : China Eastern hat ein Flugzeug gebrandet
( hier zum Download , © China Eastern)
–
NECC : Das National Exhibition and Convention Center in Shanghai
ist insgesamt 1,47 Millionen Quadratmeter groß, eine halbe Million
davon entfallen auf Ausstellungsflächen ( hier zum Download , © NECC)
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Mercedes Benz-Arena: 18.000 Zuseher finden in der imposanten
Arena Platz, in der die Eröffnungs- und Schlussfeier stattfinden (
hier zum Download , © WorldSkills 2026)
–
Bilder zu Shanghai (© WorldSkills 2026)
Weitere Fotos finden Sie auf dem Flickr-Kanal von SkillsAustria (
hier , © SkillsAustria) zur kostenlosen Verwendung.
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