IV bei Forum Alpbach: „Talent moves, Europe wins“ – Österreich muss internationale Fachkräfte gezielter anwerben und binden

Wien/Alpbach (OTS) – Im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach (EFA),
das heuer unter dem
Motto „How Europe Wins“ steht, hat die Industriellenvereinigung (IV)
in einer Closed Network Session zum zweiten Mal in Folge dem Thema
Fachkräfte eine eigene Veranstaltung gewidmet. Unter dem Titel
„Talent moves, Europe wins: Internationale Fachkräfte anwerben und
binden“ diskutierten rund 40 Top-Vertreterinnen und -Vertreter aus
Industrie und Wirtschaft gemeinsam mit EU-Kommissar Magnus Brunner,
Bildungsminister Christoph Wiederkehr und Infineon-
Vorstandsvorsitzender und IV-Vizepräsidentin Sabine Herlitschka den
Umgang mit internationalen Fachkräften.

„Die Demografie wirkt mit voller Wucht: Allein aufgrund der
demografischen Entwicklung fehlen uns in den nächsten zehn bis zwölf
Jahren 540.000 Arbeitskräfte. Drei von vier Industrieunternehmen
haben schon heute Personalprobleme bei Hochqualifizierten im MINT-
Bereich. Aktuell verlieren wir genau jene Menschen, die wir am
dringendsten brauchen: Zwischen 2011 und 2023 haben 170.000 gut
integrierte Zugewanderte Österreich wieder verlassen, ein Viertel der
Hochqualifizierten bereits im ersten Jahr. Das können wir uns
schlichtweg nicht leisten“, eröffnete IV-Präsident Georg Knill die
Session. Migration werde in Österreich noch immer vor allem unter dem
Aspekt der Sicherheit diskutiert, viel zu selten unter jenem des
Arbeits- und Fachkräftemangels: „Wir müssen differenzierter mit dem
Thema Migration umgehen und internationalen Fachkräften, die in
Österreich einen Beitrag leisten, klare Perspektiven und ein
langfristig attraktives Arbeits- und Lebensumfeld bieten. Migration
muss Teil der Lösung sein.“

Grundlage der Diskussion waren zwei Policy-Analysen der
Internationalen Organisation für Migration (IOM). Missionschefin des
IOM Landesbüros für Österreich Marian Benbow Pfisterer, die die
Analysen vorstellte, betonte: „Innovative und gesamtstaatliche
Ansätze der Fachkräfteanwerbung und -bindung sind unumgänglich und
dringlich, wenn Österreich beim globalen Wettbewerb um internationale
Fachkräfte mithalten will.“

Demografischer Druck nimmt zu

Österreich steht laut IV-Berechnungen in den kommenden zehn bis
zwölf Jahren vor dem Verlust von 540.000 Arbeitskräften –
demografiebedingt und unabhängig von der aktuellen wirtschaftlichen
Lage. Bereits heute beziffert die Wirtschaftskammer die
Fachkräftelücke mit 155.000 offenen Stellen. In einzelnen Regionen
wie der Obersteiermark, Südkärnten oder dem Waldviertel schrumpft die
Erwerbsbevölkerung schon jetzt, mittelfristig wird sich dieser Trend
auf ganz Österreich ausweiten. Neben der besseren Nutzung heimischer
Potenziale sieht die IV internationale Fachkräfte als entscheidenden
Hebel, um diesem Mangel entgegenzuwirken.

Sechs IV-Empfehlungen im Detail

Auf Basis der IOM-Analysen schlägt die IV folgende Maßnahmen vor:

1. Bindung vor Anwerbung: Die Bindung internationaler Arbeits- und
Fachkräfte, die bereits in Österreich leben, muss endlich zu einer
politischen und gesellschaftlichen Priorität werden. Rund 60 Prozent
der zwischen 2010 und 2014 Zugewanderten haben Österreich fünf Jahre
später bereits wieder verlassen – darunter überdurchschnittlich viele
Hochqualifizierte. Wie sich das in der Praxis zeigt, schilderte
Infineon-Vorstandsvorsitzende und IV-Vizepräsidentin Sabine
Herlitschka, deren Unternehmen am Standort Kärnten Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter aus rund 80 Herkunftsländern beschäftigt: Rund 31
Prozent der Mitarbeitenden haben keinen österreichischen Pass: „Wir
arbeiten in der High-Tech-Industrie an Zukunftstechnologien, die hohe
Anforderungen an Know-how, Kreativität und Innovationskraft stellen.
Innovation entsteht dort, wo unterschiedliche Perspektiven und
Kompetenzen zusammenkommen. Das erleben wir bei Infineon Austria
jeden Tag: Mit rund 6.000 Beschäftigten, davon etwa 2.500 in
Forschung und Entwicklung, bündeln wir in Österreich Forschung und
Entwicklung, High-Tech-Fertigung sowie globale
Geschäftsverantwortung. Der Wettbewerb um Talente und Ideen ist dabei
global. Deshalb braucht Österreich Rahmenbedingungen, die
internationale Fachkräfte nicht nur anziehen, sondern ihnen auch
langfristige Perspektiven bieten. Wer Innovation und
Wettbewerbsfähigkeit stärken will, muss ein Umfeld schaffen, in dem
Menschen mit ihren Fähigkeiten gerne leben, arbeiten und beitragen
können. Unternehmen engagieren sich bereits intensiv, um
internationale Talente zu gewinnen und langfristig zu integrieren.
Umso wichtiger sind politische Rahmenbedingungen und ein klares
gesellschaftliches Bekenntnis, die diesen Weg unterstützen und
mittragen.“

2. Schnellere Anerkennung von Qualifikationen: Der Weg zur
Anerkennung ausländischer Abschlüsse muss einfacher, schneller und
wirtschaftsfreundlicher werden. Aktuell üben mehr als 40 Prozent der
Drittstaatsangehörigen in Österreich eine Tätigkeit unter ihrem
ursprünglichen Qualifikationsniveau aus.

3. Internationale Studierende als Zielgruppe: Mehr als die Hälfte der
internationalen Bachelorabsolventinnen und -absolventen verlässt
Österreich innerhalb von drei Jahren nach Studienabschluss wieder.
Diese Gruppe muss aktiv für den heimischen Arbeitsmarkt angesprochen
werden.

4. Gezieltere Anwerbung und einfachere Rot-Weiß-Rot-Karte:
Insbesondere in Mangelbereichen wie MINT braucht es innovativere
Anwerbungsansätze sowie eine spürbare Vereinfachung der Rot-Weiß-Rot-
Karte, deren Verfahren derzeit zu einem Viertel die gesetzliche Frist
überschreiten. EU-Kommissar Magnus Brunner ordnete die Empfehlungen
in den europäischen Kontext ein: „Talentepartnerschaften sind ein
zentraler Baustein, um den Fachkräftemangel an die Bedürfnisse der
Industrie anzupassen. Initiativen wie die von IV und IOM angestoßenen
Skills-Mobilitätspartnerschaften in Österreich zeigen, wie das in der
Praxis gelingen kann.“

5. Österreichweites Skills-Monitoring: Eine schlanke,
wissenschaftlich fundierte Skills Agency soll evidenzbasierte
Grundlagen für die Fachkräftepolitik liefern – für internationale
Fachkräfte und darüber hinaus.

6. Rasche Fachkräftestrategie: Die im Februar 2026 von der
Bundesregierung angekündigte Fachkräftestrategie muss zügig
beschlossen und konsequent umgesetzt werden, mit internationalen
Fachkräften als zentraler Säule. Bildungsminister Christoph
Wiederkehr: „Internationale Fachkräfte entscheiden sich nicht nur für
einen Arbeitsplatz, sondern für ein Gesamtpaket aus Arbeit, Leben und
Entwicklungschancen – dabei spielt die Lebensqualität und
Familienfreundlichkeit eine große Rolle. Themen wie ein guter
Kindergartenplatz und ein breites Schulangebot sind wichtig. Zudem
werden gezielt mehrsprachige Bildungsangebote ausgebaut, um
Österreich für internationale Fach- und Führungskräfte sowie deren
Familien attraktiver zu werden. Damit wird ein Beitrag zur Stärkung
des Wirtschafts- und Wissenschaftsstandortes Österreich geleistet.“

Die Unterlage zum Gespräch finden Sie HIER .