Krems/Istanbul (OTS) – Im Zivilverfahren rund um den Tiertransport
der „Spiridon II“ ist es
am Freitag vor dem Landesgericht Krems zu keiner Einigung gekommen.
Die Verhandlung wurde vertagt. Ein neuer, voraussichtlich ganztägiger
Termin wurde für Mitte November angesetzt. Dann sollen auch mehrere
Zeugen aus der Türkei einvernommen werden.
Türkische Rinderimporteure klagen gegen den Waldviertler
Viehhändler Christian Klinger bzw. dessen Firma Agro Breeding GmbH
aus Jagenbach. Die Kläger fordern die Rückzahlung einer Anzahlung in
Höhe von 2,1 Millionen US-Dollar, umgerechnet rund 1,8 Millionen
Euro. Sie werfen Klinger vor, sie im Zusammenhang mit dem
gescheiterten Transport von knapp 3.000 Rindern aus Uruguay in die
Türkei getäuscht und finanziell geschädigt zu haben.
Richter Mag. Marvan stellte in der Verhandlung vor allem die
Frage in den Mittelpunkt, wem der Zustand der Tiere zuzurechnen ist,
der sich bei der Ankunft in der Türkei zeigte: Waren die Probleme
bereits bei der Verladung in Uruguay angelegt, entstanden sie während
der Überfahrt? Die Kläger sehen die Verantwortung klar auf der Seite
Klingers.
Klinger wies alle Vorwürfe der Kläger vor Gericht zurück. Sein
Verteidiger argumentierte, das Risiko sei mit dem Versand auf die
Käufer übergegangen. Zudem hätten diese den späteren Versand
akzeptiert. Nach seiner Darstellung seien alle Ohrmarken vorhanden
gewesen und der Transport sei unproblematisch verlaufen. Erst die
unerwartet lange Wartezeit vor der Türkei habe zu den späteren
Problemen geführt, da das Schiff für eine derart lange Blockade nicht
ausgelegt gewesen sei. Dass es nachgewiesenermaßen bereits auf der
Überfahrt zu dutzenden Todesfällen und 140 Geburten an Bord gekommen
war, spielte vor Gericht zunächst jedoch keine Rolle.
Die Klägerseite hielt dem entgegen, das Schiff sei für den
Transport generell ungeeignet gewesen. Zudem sei einem von den
Importeuren beauftragten Tierarzt der Zugang zum Schiff verweigert
worden – was Klinger bestritt.
Internationale Bekanntheit erlangte der Fall durch die
wochenlange Blockade des Tiertransportschiffs vor der türkischen
Küste. Die Rinder waren im Herbst 2025 in Uruguay verladen worden und
sollten in die Türkei importiert werden. In der Türkei verweigerten
die Behörden schließlich die Einfuhr, weil laut türkischen Behörden
hunderte Tiere nicht auf der offiziellen Importliste standen oder
nicht eindeutig identifizierbar waren. Hunderte Tiere starben,
hochträchtige Tiere brachten unter prekären Bedingungen Kälber zur
Welt.
Die Animal Welfare Foundation und The Marker , die den Transport
damals öffentlich gemacht hatten, sehen in dem Fall eine zentrale
Lücke im internationalen Lebendtierhandel: Während die Importeure
ihren wirtschaftlichen Schaden vor Gericht geltend machen können,
läuft das Leid der Tiere rechtlich ins Leere: Die Tiere wurden in
Uruguay verladen, organisiert wurde der Transport aus Österreich,
Ziel war die Türkei. Das Schiff fuhr unter der Flagge Togos;
betrieben wurde es von einem Unternehmen mit Sitz im Libanon, während
die formelle Eigentümerfirma in Honduras registriert ist.
„ Vor Gericht ging es heute vor allem darum, wann das finanzielle
Risiko von Verkäufer auf Käufer übergeht. Auch bei der nächsten
Verhandlung wird es keine Rolle spielen, dass tausende Tiere
wochenlang auf einem Schiff festsaßen. Der Fall „Spiridon II” zeigt,
dass mögliche Tierschutzvergehen bei Schiffstransporten nicht
verfolgt werden können. “, sagt Ann-Kathrin Freude von The Marker.
„ Aktuell sind Tiere bei Tiertransporten per Schiff nicht
geschützt. Immer wieder gibt es Fälle von großem Tierleid bei diesen
grausamen Transporten – und die Verantwortlichen schieben sich
gegenseitig die Schuld zu. Genau deshalb braucht es endlich
verbindliche Tierschutzstandards, an die sich alle Beteiligten halten
müssen. Gerade in diesem undurchsichtigen Geschäft “, sagt Maria
Boada Saña, Projektleiterin Tiertransporte per Schiff bei der Animal
Welfare Foundation.
Auch Österreich ist Teil dieses Systems. Die Firma Agro Breeding
hat in der Vergangenheit selbst Rinder aus Österreich per Schiff in
Drittstaaten exportiert, darunter nach Algerien. EU-weit werden
jährlich rund drei Millionen Tiere per Schiff exportiert. Immer
wieder kommt es dabei zu schweren Vorfällen, bei denen Tiere leiden
oder sterben.